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E-Mobilität

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Jack_N:
Apropos Energieeffizienz und Kosten:
Ich habe aufgrund einer Diskussion in einem englischsprachigen Forum kürzlich mal eine Rechnung erstellt. Hintergrund:
In Deutschland (meine Berlin wars) fährt ein Tesla Model S - Taxi (altes Modell), welches die 1.5mio km geknackt hat. Reparaturen soweit: 2x Tausch des Akkupacks (wobei das dritte jetzt über eine Million km verbaut ist, zumindest das erste wurde auch noch vollständig auf kulanz getauscht), 4x neuer Antriebsmotor, sowie Fahrwerksteile und co. Alleine die Reparaturen würden, wenn sie nicht auf Garantie gingen, den Kaufpreis des Fahrzeugs über die Zeit noch zweimal obendraufpacken (ja, laut Liste ca. 200.000€ an Teilen+Lohn, die da reingeflossen sind).
Weiterhin interessant: Der Verbrauch. Der Wagen braucht laut den Infos bei seiner Fahrweise irgendwas um die 22 kwh/100km. Offiziell geht das Model S ab 18,5kwh los, aber hier kommt wohl die größere Ausstattung zum Tragen. Interessanterweise wohl auch der Stadtverkehr, durch das häufige Anfahren wird hier wohl mehr Strom verbraucht als beim reinen Gleiten.
Verglichen wurde das Ganze dann mit einem Prius, diese erreichen angeblich ähnliche Laufleistungen. Diverse Diesel würden sich sonst auch für den Vergleich anbieten (generell erreichen Autos im Dauerbetrieb als Taxi oft höhere Laufleistungen als bei Privatleuten, weil der Alterungsverschleiß durch Witterung hier den KM hintenansteht im Gegensatz zur Privatnutzung, wo Autos sich eher "totstehen").
Bei einem durchschnittlichen Stadtverbrauch des Prius, und selbst mit aktuellen höheren Benzinkosten gerechnet, rechnet sich der Betrieb des Tesla gegenüber dem Prius nur, wenn man das kostenlose Supercharging, was die alten Modelle bekamen, intensiv nutzt.
Mit einem Vergleich günstiger Strompreis (Sammelkarte, 33cent/kwh an Ladesäule) vs. günstige Tankstelle (gerechnet mit 1,60€/Liter) liegt die Ersparnis nach 1,5mio km gerade mal bei wenigen tausend Euro für den Tesla. Rechnet man jetzt die tatsächlich angefallenen Reparaturkosten dazu, so sagt selbst der Eigner, dass er mit einem herkömmlichen Fahrzeug auch durch den günstigeren Anschaffungspreis unterm Strich besser weggekommen wäre.

Das hat mich dann doch irgendwie kalt erwischt. Ich hab irgendwie bei all den Rechnungen immer gedacht, dass der reine Betrieb viel deutlicher zugunsten des Stromers ausfällt. Aber bei unseren Energiepreisen ist das - sogar mit der Erhöhung der CO2-Steuer - leider noch nicht der Fall.
Ich denke aber weiterhin dass der Preis das Einzige ist, womit man die E-Mobilität in die Breite drücken kann. (und die Lösung des Lade-Infrastrukturproblems in den Städten. Jüngstes Beispiel aus München: Wallbox im Mehrparteienhaus für Mieter wird genehmigt, aber Besitzer darf entscheiden wer die anbaut, und Mieter muss einen 10-Jahres-Vertrag mit dem Stromabnehmer zu über 40cent/kwh abschließen für den Betrieb. Irrsinn.

Eisbär:
Beim Tesla S als Taxi geh ich von einem komplett anderen Grund für den überzogenen Verbrauch aus: die sind nicht mit einer Wärmepumpe ausgestattet. Und Taxen stehen nunmal viel am Tag rum und die Fahrer halten sich währenddessen im Auto warm (beim Verbrenner leider oft mit laufendem Motor).

Ansonsten wüsste ich gerne, was Du für  Verbrauchswerte elektrisch und im Verbrennerbetrieb bei wie viel Anteilen jeweils für den Prius angenommen hast, dass Du auf so ein seltsames Ergebnis kommst.

Jack_N:
Das war kein überzogener Verbrauch, wie kommst Du darauf? Wenn Du mal beim ADAC nachschaust kam der für ein P85 auch auf 20,5kwh/100km. Wir reden noch nicht von den aktuelleren Modellen.
Ja, durch Hypermiling kann man den Verbrauch auf 16,5kwh drücken, das ist im Stadtverkehr aber nicht drin.
Vergleichswert war ein Prius-Taxi mit einem gerechneten Benzinverbrauch von 6l/100km, was real erfahrene Werte aus dem Taxibetrieb waren. (ich bin ehrlich gesagt erstaunt, wie sparsam einige Benziner sind. Bin selbst mal einen Audi A4 gefahren, mit dem 1.8-Turbomotor, der auf 120PS gedrosselt war. Die Kiste zog keine Wurst vom Teller, kam aber mit unter 5 Litern auf 100km auf Langstrecke aus, für das Dickschiff unglaublich wenig. Die Verbrennertechnik hat in den letzten 20-30 Jahren da doch deutliche Fortschritte gemacht).
Andere Vergleichsfahrzeuge waren diverse Dieseltaxen, und da siehts dann noch düsterer aus - denn da sind auch Real-Verbrauchswerte von unter 5L/100km machbar, zudem dann halt der günstigere Dieselpreis.
Im Endeffekt wars halt real ne Nullrechnung gegenüber dem Prius. Hauptsächlich aber auch dadurch, dass eben einige Reparaturen bei einem E-Fahrzeug wenn man sie selbst bezahlen muss übelst ins Geld gingen, und der Kostenvorteil von Wartung und Verbrauch diese nicht aufgefangen hätte - wenn eben nicht das kostenlose Supercharging (was es so ja nicht mehr gibt) dabeigewesen wäre.

Man muss fairerweise auch sagen, dass Tesla den Kunden auf den Kaufpreis der Fahrzeuge keinen Rabatt gibt. Keinen. Null. Nada.
Im Taxigewerbe sind aber üppige Rabatte von deutschen Herstellern die Norm, das sind gerne 25% oder mehr, die bei einer Bestellung als Taxi da vom Listenpreis runterpurzeln.
Andere Hersteller bieten nicht so viel, haben dafür aber wieder niedrigere Einstiegspreise.

War auf jeden Fall mal interessant, und wäre noch interessanter wenn man JETZT auf den Markt gekommene E-Autos mit aktuellen Verbrennern unter den Bedingungen gegeneinander antreten lassen würde.
Tesla hatte ja in der Tat Probleme sowohl mit den Batteriepacks (Kühlung) als auch mit den Motoren (Wassereintritt, Rost, Kurzschluss), die aber mit den aktuellen Generationen der Bauteile behoben wurden.
Was man auch schön daran sieht, dass der Wagen fast 2/3 seiner Laufleistung, also ca. 900.000km, mit dem aktuellen, noch funktionsfähigen Akkupack zurücklegte. Und das bei Fahrleistungen bei denen wir davon ausgehen dürfen, dass jeden Tag die Kiste komplett vollgeladen wurde, und aus Kostengründen eben auch oft am Schnellader.

Das stimmt mich zuversichtlich, dass auch ein Gebrauchtkauf eines E-Fahrzeugs nicht unbedingt so schlimm sein wird wie von vielen prophezeit :)


Zu den Verbräuchen des Model S noch hier ein Auszug:
https://de.motor1.com/reviews/276451/tesla-model-s-verbrauchstest/
(war zwar ein P100D, aber so unterschiedlich sind die in der Praxis nicht):
16,4kwh wird als Bestwert angegeben. Reell sprechen sie aber weiter unten von 20kwh im Stadtverkehr, 22kwh im römischen Stadtverkehr (Rom ist aber auch fies :D ) und über 23kwh auf der Autobahn (Expresszuschlag). Bei letzterem sind wir dann bei Energiewerten, die von aktuellen Benzinern unterboten werden.
Damit outet sich das Model S übrigens als relativ ineffizientes E-Fahrzeug, was aber auch der möglichen Leistung einerseits und dem damit einhergehenden Gewicht (nicht nur Akkus, auch das Fahrwerk muss das ja mitmachen) andererseits geschuldet ist.

Überschätze übrigens nicht die Effizienz der Wärmepumpe, so ultraviel bringt die laut den letzten Zahlen die ich gesehen hab nicht. Bei VW wurde sie deswegen auch als optional angesehen, da die Mehrkosten lang nicht bei allen Nutzern über die Lebensdauer wieder reingeholt werden könnten. (Komfortgewinn ist was anderes)

Eisbär:

--- Zitat von: Jack_N am 21 Januar 2022, 14:17:03 --- über 23kwh auf der Autobahn (Expresszuschlag). Bei letzterem sind wir dann bei Energiewerten, die von aktuellen Benzinern unterboten werden.

--- Ende Zitat ---
23kWh sind etwa der Energiegehalt von 2,3 Litern Benzin. Welche Benziner unterbieten das auf der Autobahn?

Jack_N:

--- Zitat von: Eisbär am 21 Januar 2022, 23:45:19 ---
--- Zitat von: Jack_N am 21 Januar 2022, 14:17:03 --- über 23kwh auf der Autobahn (Expresszuschlag). Bei letzterem sind wir dann bei Energiewerten, die von aktuellen Benzinern unterboten werden.

--- Ende Zitat ---
23kWh sind etwa der Energiegehalt von 2,3 Litern Benzin. Welche Benziner unterbieten das auf der Autobahn?

--- Ende Zitat ---

Sorry  stimmt, ich hätte Kostenfaktor schreiben müssen. Bei einer günstigen Ladekarte kommt man da noch gut bei weg. Sobald Du aber außerhalb des "Wohlfühlbereichs" der kwh-Preise unterwegs bist, oder fürs Schnelladen Aufschläge zahlen musst, wirds fies. Zudem blechst Du ja auch noch die Ladeverluste mit, etwas was schnellstens einmal auf die Energieeffizienz-Schilder der Fahrzeuge gehört und zum anderen der Fokus von Optimierungen sein sollte.

Ladeverluste im zweistelligen Prozentbereich sind ja leider immernoch bei einigen Herstellern/Modellen drin. (Tesla Model 3 LR sogar 25%, ein Viertel der bezahlten Energie landet nicht in der Karre, das ist übel - https://www.golem.de/news/adac-enorme-ladeverluste-bei-teslas-model-3-2007-149851.html)
Müsste man eigentlich in den Verbrauch mit einrechnen. Spätestens dann sähen einige E-Autos eher teuer aus im Vergleich zu verbrennergetriebenen Fahrzeugen ihrer Klasse.
Seit August 2021 kostet der Strom an Teslas Superchargern übrigens auch schon 40cent/kwh, in 2 Jahren um 10 cent gestiegen. Weitere Steigerungen sind möglich, damit ist Tesla aber noch immer vergleichsweise günstig.
Mit Ladeverlusten und dem Tesla-Supercharger-Preis sind wir dann aber bei rund 11,50 Euro für 100km Autobahn. Das ist gegenüber einem großmotorisierten Verbrenner immernoch günstig. Aber selbst ein über 20 Jahre alter Diesel-T4 kann da kostentechnisch mithalten (aus eigener Erfahrung), auch wenn er dort wo es geht schneller als 130 fährt.

Aber selbst diese Betriebskosten verhageln einigen Kleinbetrieben die Bilanz. Der Ruf danach alles noch teurer zu machen, damit mehr Leute "freiwillig" auf (in der Anschaffung teurere) Elektroautos umsteigen trifft die, bei denen es noch keinen adäquaten Ersatz gibt (die Diskussion hatten wir ja schonmal. VW bringt jetzt nen id buzz als Camper, sagt aber, dass er weniger Zuladung und Platz habeb wird als die Verbrennerbusse, und natürlich eine viel kleinere Reichweite - aber mehr kosten wird als ein T6. 1 California (also über 60.000 Euro). Für Handwerker gibts immer noch keinen E-Ersatz für nen Caddy oder Transporter.)

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